Wenn alles Sinn ergibt ...
hast du zu wenig gewagt.
Vernünftig sein hat einen hervorragenden Ruf. Wir treffen vernünftige Entscheidungen, wählen vernünftige Ausbildungen, machen vernünftige Karrierepläne und schliessen vernünftige Versicherungen ab. Wir planen. Wägen ab. Rechnen nach.
Sehr vernünftig.
Und manchmal vielleicht ein bisschen schade. Denn irgendwann kann ein Leben entstehen, in dem erstaunlich vieles Sinn ergibt. Alles läuft. Alles passt. Alles scheint solide und ist fein getrimmt.
Nur die Lebendigkeit hat gerade keinen Termin bekommen.
Die beruhigende Kraft des Gewohnten
Gewohnheiten sind eine grossartige Erfindung. Stellen Sie sich vor, Sie müssten jeden Morgen neu herausfinden, wie Zähneputzen funktioniert. Oder wie man 3-Minuten-Eier kocht. Wir brauchen Routinen und Vorstellungen davon, wie die Welt funktioniert.
Schwierig wird es erst, wenn aus „So mache ich es meistens“ unbemerkt „So macht man das“ wird. Aus „Das hat sich bewährt“ schleichend „So muss es sein“. Und aus „Das passt zu mir“ vielleicht irgendwann „So bin ich eben“.
Unsere Welt wird dadurch angenehm übersichtlich.
Vielleicht ein bisschen gemütlich.
Und fast unmerklich immer enger.
Das Neue hat Konstruktionsfehler
Es ist unerprobt. Niemand garantiert, dass es funktioniert. Erfahrungen damit haben wir auch noch keine. Das macht Neues ausgesprochen verdächtig.
Was, wenn es schiefgeht?
Kann ich das überhaupt?
Was werden die anderen denken? Und natürlich der Klassiker:
Ist jetzt wirklich der richtige Zeitpunkt?
Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
Wer ausschliesslich das tut, was sich bereits bewährt hat, bekommt ziemlich zuverlässig das, was er schon kennt.
Das ist der Vorteil.
Und der Nachteil.
Mehr hilft. Ausser wenn es nicht hilft.
Wenn etwas nicht funktioniert, strengen wir uns mehr an. So haben wir das gelernt.
Wenn jemand uns nicht versteht, erklären wir ausführlicher. Wenn das Ergebnis nicht stimmt, kontrollieren wir genauer. Und wenn die Kinder nicht zuhören, werden wir noch lauter.
Mehr hilft – recht oft.
Ausser, wenn es nicht hilft.
Paul Watzlawick beschrieb dieses Phänomen als „mehr desselben“: Wir versuchen mit grosser Beharrlichkeit immer wieder genau das, was uns bisher nicht weitergebracht hat.
Dann braucht es nicht mehr.
Sondern anders.
Ein kleiner Schritt ins Unvernünftige
Etwas anders zu machen ist ein Wagnis. Aber dafür müssen Sie nicht gleich den Job kündigen, nach Kreta auswandern oder sich mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug stürzen.
Es darf kleiner sein.
Vielleicht stellen Sie in einer Besprechung eine Frage, die Sie sich bisher nicht getraut haben. Sie nehmen eine Einladung an, obwohl Sie diesen Menschen kaum kennen. Sie lernen mit 52 ein neues Instrument und werden nochmals Anfänger:in. Sie machen Ferien einmal anders als die letzten siebzehn Jahre. Oder Sie liefern im nächsten Streit nicht das Argument, das Ihr Gegenüber schon auswendig kennt.
Vielleicht lassen Sie sogar einen neuen Gedanken fünf Minuten am Leben, bevor Sie ihn mit der Frage erschlagen: „Aber ist das auch realistisch?“
Manchmal reicht schon eine kleine Abweichung vom Gewohnten. Und manchmal ist das Unvernünftige das einzig Vernünftige. Denn wenn einer etwas anders macht, kann der andere nicht mehr ganz gleich reagieren.
Ein neuer Schritt ermöglicht einen neuen Gegenschritt.
Und plötzlich entsteht ein anderer Tanz.
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Lösungsorientierte Beratung und Coaching haben eine gewisse Sympathie für Experimente. Nicht jede Frage folgt einem brav vorgegebenen Rezept. Fragen dürfen auch mal unkonventionell sein, überraschend und einfach eine Tür aufmachen.
Zu den Risiken und Nebenwirkungen gehören neue Gedanken, ungewohnte Möglichkeiten und der leise Verdacht, dass es vielleicht auch ganz anders gehen könnte.
Was wäre stattdessen möglich?
Was wäre eine kleine Veränderung, die einen echten Unterschied macht?
Und vielleicht sogar die Frage: «Was würden Sie gerne einmal tun, obwohl es nicht ganz vernünftig ist?»
Keine Sorge. Sie müssen es dann ja nicht grad tun.
Aber Sie könnten den Gedanken ein bisschen herumliegen lassen. Man weiss ja nie, was er unbeaufsichtigt anstellt.
Unvernünftig ist manchmal vernünftig
Wir plädieren nicht für ein Leben ohne Vernunft. Wir mögen funktionierende Bremsen, zuverlässige Statik und Menschen im Cockpit, die Checklisten nicht für einen Mangel an Kreativität halten.
Nun liegt es aber in der Natur der Sache, dass Neues bedeutet, bekanntes Terrain zu verlassen. Das kann herausfordernd sein. Denn das Vertraute kennen wir – mit dem Neuen müssen wir erst Erfahrungen machen. Gerade in Beratung, Coaching und Therapie geht es deshalb nicht nur darum, Situationen anders zu verstehen. Manchmal braucht es auch die Bereitschaft, anders zu reagieren, etwas Ungewohntes auszuprobieren oder einen neuen Schritt zu wagen.
Nicht kopflos. Nicht um jeden Preis anders. Sondern mit genügend Neugier und Zuversicht, um dem Neuen eine Chance zu geben und herauszufinden, was möglich ist.
Das Neue ohne Unsicherheit ist wie Kreativität nach Vorlage.
Und wenn gerade wirklich alles Sinn ergibt, wäre das vielleicht eine ausgezeichnete Gelegenheit für eine kleine unvernünftige Frage: „Was wäre, wenn ich es einmal anders mache?“
Am Neuen Kurszentrum leben und lehren wir lösungsorientierte Beratung, Coaching und Führung. Vielleicht mögen wir deshalb Fragen, die vertraute Denkwege verlassen – und gelegentlich sogar eine vernünftige, wohldosierte Portion Unvernunft.
Herzlich willkommen im Neuen Kurszentrum.
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